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Grüne Konferenz sucht Konzepte

Der niedersächsische Landesverband von Bündnis90/Grüne richtete am 29. September 2017 eine Konferenz unter dem Titel »Die Zukunft der Automobilindustrie« aus. greenkeePR war dabei und berichtet.

Niedersachsen gilt mit seinen VW-Standorten als eines der vier so genannten »Autoländer«. Zweifelsohne bestehen große wirtschaftliche Abhängigkeiten von der nicht erst mit »Dieselgate« unter Druck geratenen Autoindustrie. Anja Piel, Vorsitzende der Grünen Landtagsfraktion, machte in ihrer Eröffnungsrede deutlich, dass Umweltschutz, Gesundheit und Klima Priorität haben müssten, man aber die KfZ-Hersteller nicht damit allein lassen werde. Die Einladung zu dieser Konferenz sei ja auch ein Ausdruck dafür. In zwei Panels mit unterschiedlicher Thematik wurde der Dialog gesucht:

 

Panel 1: Antriebswende – smarte Ideen und arbeitsmarktpolitische Herausforderungen

Rebecca Harms

Rebecca Harms, Europaabgeordnete B90/ Grüne

Jedes Panel wurde zunächst mit vier Impulsvorträgen eingeleitet, anschließend standen die Referenten gemeinsam auf dem Podium, um auch auf Publikumsfragen einzugehen. Rebecca Harms, Grüne Europaabgeordnete, forderte zum Einstieg die dringende Antriebswende vor dem Hintergrund der knapp werdenden fossilen Rohstoffe und den mit ihrer Nutzung verbundenen Umweltbelastungen. Besondere Rücksichtnahme verdienten aber die Beschäftigten, denen Perspektiven gegeben werden müssten. Der Druck, den die Pariser Klimaziele mit der Forderung zur vollständigen Decarbonisierung bis 2050 ausübten, sei fast noch das geringere Übel für die deutsche Autowirtschaft, seit feststeht, dass China nun seine E-Auto-Importquote ab 2019 strikt durchziehen werde.

Weert Canzler

Dr. Weert Canzler, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Für Dr. Weert Canzler, Mobilitätsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, reicht es dagegen längst nicht aus, nur über neue Antriebstechniken individuell genutzter PKW nachzudenken. Seiner Auffassung nach muss ein zukünftiges Mobilitätskonzept alle Formen von Verkehrsmitteln und die dafür notwendige Energieerzeugung miteinander vernetzen (»Sektorkopplung«). Dass hier im Sinne von Klimaschutz und nachhaltigem Wirtschaften nur regenerative Energien zum Tragen kommen, versteht sich von selbst. Die Digitalisierung ist der entscheidende technische Treiber, das Smartphone liefert den Zugang zur Teilhabe, etwa über elektronische Mitfahrbörsen, Mobility on Demand und Car-Sharing. Beim Individualverkehr wird sich das neue Paradigma künftig Nutzen statt Besitzen lauten. Die Arbeitsplätze in der Automobilindustrie werden sich massiv von Produktions- in Dienstleistungsgeschäftsfelder wandeln. Die Leitplanken zu diesen gewaltigen gesellschaftlichen Veränderungen habe die Politik zu liefern, so Canzler. Dazu gehöre seiner Meinung nach auch die Festlegung eines definitiven Ausstiegszeitpunktes aus der fossilen Antriebstechnik.

Thorsten Gröger

Thorsten Gröger, IG Metall Niedersachsen/Sachsen-Anhalt

Dass die Beschäftigten in der Automobilindustrie immer auch Verbraucher und Bürger mit einem großen Interesse am Erhalt ihrer Umwelt sind, daran erinnerte Thorsten Gröger, Bezirksvorsitzender der IG Metall Niedersachsen/ Sachsen-Anhalt. Und dass diese keine Randgruppe seien, zeige ein Blick auf die Mitgliederstatistik: von 300 000 Metall-Gewerkschaftern seines Bezirks arbeite mehr als die Hälfte bei VW. Als Arbeitnehmervertreter verwies er auf die bewährte Mitbestimmungskultur und forderte, dass bei aller Veränderung neue Beschäftigungsmodelle mindestens unter vergleichbaren Arbeitsbedingungen wie bisher stattzufinden haben. Anders als sein Vorredner Canzler halte er einen festen Ausstiegszeitpunkt vom Verbrennermotor für nicht durchsetzbar. Eher werde es einen kontinuierlichen Übergang zu alternativen Antrieben geben.

Unterstützung erhielt Gröger auch von Jörg Köther vom VW-Betriebsrat am Standort Braunschweig. Köther wies auf die vielfältigen Probleme hin, die zwangsläufig an der Umstellung auf neue Geschäftsfelder hingen. So ließe sich nicht jede/r Angestellte/r einfach umqualifizieren, Transformation bedeute immer auch den Verlust von Fachkräften. Da Elektro-PKW in der Fertigung deutlich weniger komplex sind, sei hier schlicht weniger Arbeit zu verteilen, was eine dramatische Verschiebung der Wertschöpfung zur Folge habe. Schon jetzt sei klar, so Köther, dass in den nächsten Jahren bis zu 20 000 Arbeitsplätze bei VW abgebaut werden müssten. Als Betriebsrat werde er sich dagegen einsetzen, dass dann auch noch eine Abwägung von Beschäftigung gegen Nachhaltigkeit stattfinde.

Die kontroversen Standpunkte der vier Redner/innen konnte auch die anschließende kurze Podiumsdiskussion nicht näher zusammenbringen. Weert Canzler mahnte, dass die Zeit für die notwendigen Transformationen mehr als knapp sei und äußerte die Befürchtung, dass Gewerkschaften und VDA (Verband der Automobilindustrie) die Augen vor der Realität verschlössen und in eine unehrliche Vermeidungsstrategie verfielen: »Sie dürfen nicht denken, Sie müssten nur den Kraftstoff austauschen und alles gehe weiter wie bisher.« Während Rebecca Harms diese Position Canzlers unterstützte und die Schwerfälligkeit der Industrie beklagte, wiesen Gröger und Köther dies ab und sahen die Autohersteller eher »an der Spitze der Bewegung«. Wenn es nicht vorangehe, liege das vor allem an der Politik.

 

Panel 2: Klimafreundliche Fahrzeuge auf der Straße

Stefan Wenzel,

Stefan Wenzel, nds. Umweltminister, B90/Grüne

Die zweite Expertenrunde wurde vom niedersächsischen Umweltminister Stefan Wenzel, Bündnis90/Grüne moderiert. In seinem kurzen Einleitungsstatement verwies er auf die Rohstofffrage im Zusammenhang mit den neuen Technologien (»Lithium darf nicht das neue Erdöl werden.«) und sah hier eine wichtige Rolle der Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. Auch was die Ladeinfrastruktur angehe, seien die Hersteller in der Pflicht mitzuwirken und dürften nicht einfach die Organisation von staatlicher Seite einfordern. Mit erneutem Blick auf Chinas Ausstiegsdatum 2019 griff Wenzel zudem das Argument Weert Canzlers vom Vormittag auf, dass die Zeit für den Umbruch schon sehr knapp werde.

Dorothee Saar

Dorothee Saar, Deutsche Umwelthilfe

Viel mehr Augenmerk auf Klima- und Umweltschutz forderte anschließend Dorothee Saar, Leiterin Verkehr und Luftqualität bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH). So sei zwar je nach Lesart die NOx-Emission in den letzten Jahren zurückgegangen, nicht aber die Menge der Grenzwertüberschreitungen. Insbesondere die Dieselpolitik inklusive der Subventionen und Steuervergünstigungen griff Saar an: Es sei längst nicht mehr erklärbar, warum ein Diesel mehr Stickoxide ausstoßen dürfe als ein Benziner.

Christian Hochfeld

Christian Hochfeld, Agora Verkehrswende

Ähnliche Standpunkte vertrat Christian Hochfeld, Leiter des Thinktanks Agora Verkehrswende und erinnerte zusätzlich daran, dass im Straßenverkehr als einzigem Bereich seit 1990 keine Verringerung der Schadstoffemissionen stattfinde. Hier trage die Automobilindustrie entscheidende Verantwortung, da verbesserte Technik hinsichtlich Schadstoffausstoß durch Einführung leistungsstärkerer Motoren immer gleich wieder egalisiert worden sei. Dass die Autokäufer dies ja so wollten, sei ein allzu schwaches Argument. Wie schon Weert Canzler hob auch Christian Hochfeld auf die nötige Sektorkopplung ab, die Verkehrswende müsse zwingend aus Mobilitäts- und Energiewende bestehen, um die Klima- und Umwelt-Herausforderungen der Zukunft bewältigen zu können. Dazu reichten die bisherigen Zielvorgaben für den Ausbau der Erneuerbaren bis 2030 keinesfalls aus. Nicht nur Elektroautos wollen geladen werden – was klimatechnisch ausschließlich regenerativ sinnvoll ist –, extrem hohen Energiebedarf hat auch die an Bedeutung gewinnende Produktion synthetischer Kraftstoffe (»Power to Liquid«).

Stefan Schmerbeck

Dr. Stefan Schmerbeck, VW AG

Dr. Stefan Schmerbeck, Konzern Aussen- und Regierungsbeziehungen Volkswagen AG, und Ralph Meyer, Bereichsleiter Power Train beim Elektrofahrzeughersteller e-GO, vertraten erwartungsgemäß andere Positionen. Beide prognostizierten dem Verbrennermotor noch einen langen Fortbestand, VW beispielsweise plane laut Schmerbeck, dass bis 2025 erst jeder fünfte Wagen das Fließband elektrisch verlässt. Und Meyer stellte die These auf, dass sich E-Autos zunächst am Stadtrand oder in stadtnahen Wohngebieten etablieren werden, um dort vorzugsweise die vorhandenen Zweit- und Drittwagen von Familien zu ersetzen.

Ralph Meyer

Ralph Meyer, e.GO AG

Auch die zweite Podiumsdiskussion des Tages konnte keine neuen Standpunkte hervorbringen. Dorothee Saar und Christian Hochfeld mahnten vehement die vorrangige Entwicklung ganzheitlicher Mobilitätskonzepte unter der Voraussetzung Energiewende plus Sektorkopplung an. Beide erwarten kurzfristig die EU-seitige Einführung von E-Auto-Quoten nach chinesischem Vorbild. Dann werde auch die »heilige Kuh« Kraftstoffpreis geopfert werden, schon aus Fairneßgründen gegenüber den neuen Technologien. Stefan Schmerbeck und Ralph Meyer verließen dennoch Ihren Argumentationsrahmen Pro-Individual-PKW nicht. Mit alternativen Antrieben werde man in diesem Marktsegment noch lange Zuwachsraten einfahren. Schmerbeck setzt hier besondere Hoffnungen auf die Brennstoffzelle: »Das wird unsere Silver Bullet!«. Lakonische Antwort von Christian Hochfeld dazu: »Bullshit!«

 

 

Alle Fotos: © 2017 Werner Musterer

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